Sonja Hartwig liest aus ihrem Buch "Kazim, wie schaffen wir das?". Der "Kalif von Neukölln" selbst gibt Antworten.

5590437 artikeldetail 1125w 1r6lzV ohfotXKazim Erdogan und Sonja Hartwig präsentieren ihr gemeinsames Buch. Foto: pp

Marktredwitz - "Kazim Erdogan und seine türkische Männergruppe - vom Zusammenleben in Deutschland", so war die Einladung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) aus Arzberg und Marktredwitz sowie der Georg-von-Vollmar-Akademie überschrieben, eine Einladung ins Egerland-Kulturhaus mit Buchlesung und offener Diskussionsrunde. Kazim Erdogan ist mit dem türkischen Präsidenten weder verwandt noch verschwägert. Er ist Sozialarbeiter in Berlin-Neukölln. Er gilt als einer der führenden Experten für die Integration von Zugewanderten in Deutschland. Er bekam 2012 von Bundespräsident Joachim Gauck das Bundesverdienstkreuz verliehen. Über sein Leben und seine Arbeit gibt es ein Buch mit dem Titel "Kazim, wie schaffen wir das?". Und genau dieses Buch haben Kazim Erdogan und die Autorin Sonja Hartwig am Dienstagabend vorgestellt.

Sonja Hartwig ist Autorin und Reporterin. Ihre Texte erscheinen in Magazinen und Wochenzeitungen. Seit fast sechs Jahren begleitet sie den Neuköllner Psychologen und Soziologen. Sie zeichnet ein liebevolles Porträt des "Kalifen von Neukölln" und seiner türkischen Männer, das uns einen Einblick in eine fremde Welt direkt vor unserer Tür gibt. Ihre Lesung begann mit dem Jahr 1974. Da war Kazim 20 Jahre alt und wollte in Deutschland studieren. Was wusste er damals über das Land? Kaum etwas, nur, dass Deutschland ein reiches Land sei und das Geld auf der Straße liege. Dass dem nicht so ist, merkte er sehr schnell. Selbst sein Onkel, bei dem er in Berlin wohnen konnte, forderte von ihm das wenige Geld, das er hatte. Als Tourist war er eingereist, aber er überschritt die erlaubte Aufenthaltsdauer. Ein Polizist kontrollierte ihn, er kam in Ausreisehaft. Aus der Haft heraus bat er einen befreundeten syrischen Kurden um Hilfe. Er besorgte ihm die Zusage der Freien Universität, dass er dort mit einem Deutschkurs anfangen könnte. Da kam er wieder frei. Mit dem bestandenen Deutschkurs wurde er für Psychologie und Soziologie immatrikuliert.

Nach dem Diplom bekam Kazim Arbeitsplätze in der Türkei angeboten. Aber er blieb in Deutschland wie viele andere auch. Seinen Freundes- und Bekanntenkreis in Neukölln wollte er nicht aufgeben. So wurde er 1980 Angestellter im Öffentlichen Dienst. Das ist auch das Jahr, in dem er gefühlsmäßig erst so richtig angekommen ist. Ankommen ist für ihn ein Weg, kein Zeitpunkt. Wichtige Werkzeuge sind dabei für ihn Partizipation und Teilhabe. Schlüssel sind die Kommunikation und eine verständliche Sprache. Für seine Arbeit zunächst als Hauptschullehrer, dann als Schulpsychologe und schließlich Sozialarbeiter will er sich auf gleicher Augenhöhe mit den ihm anvertrauten Menschen bewegen und sie direkt ansprechen. Dazu kommen Akzeptanz, Anerkennung, Wertschätzung, Vertrauen und Toleranz.

Hauptsächlich arbeitet er mit Menschen zusammen, die wie er eine Zuwanderungsgeschichte haben, wie er eine türkische Abstammung. Oft sind es Menschen, die in irgendeiner Form Probleme haben, zu deren Lösung er Ansätze geben will: "Als Mensch mit Zuwanderungsgeschichte kann ich anderen Mut machen und ihnen sagen, dass auch sie mit ihren eigenen Stärken etwas bewirken können."

Im Jahr 2007 gründete Kazim mit seinem Verein "Aufbruch Neukölln" die deutschlandweit erste Gesprächsgruppe für türkischstämmige Männer. Er bringt die Männer, die gesellschaftlich eher als verschlossen gelten, dazu, in der Gruppe über sich selbst zu reden. Über Themen wie Ehe und Sexualität, Familie, Erziehung und Gewalt, Ehre und Stolz, aber auch Politik und Gesellschaft. Dabei ist er mal Sozialarbeiter, mal Psychologe, mal großer Bruder, mal handfeste Hilfe. Er holt die Menschen dort ab, wo sie sind.

Julia Gerecke, pädagogische Mitarbeiterin des Mitveranstalters Georg-von-Vollmar-Akademie, moderierte den Abend. Sie fragte Kazim, was er empfindet, wenn vor fremden Menschen über sein Leben erzählt wird. Er antwortete: "Ich sehe hier wunderbare Menschen, das ist die beste Voraussetzung. Und ich erkenne, dass ich in meinem Leben zumindest kleine Brötchen gebacken habe, etwas erreicht habe. Da macht mir das natürlich Freude." Aus dem Publikum wurde die Frage gestellt, welche Staatsangehörigkeit er besitzt. "Die deutsche und die türkische", so lautete seine Antwort. "In meinem Herzen ist Platz für zwei 'Menschenheimaten'."

Dann las Sonja Hartwig einen zweiten Teil ihres Buches. Über die Männer- oder Vätergruppe in Berlin-Neukölln.

Kazim Erdogan hat einen Traum: Recep Tayyip Erdogan und er sitzen sich auf dem Boden gegenüber. Der türkische Präsident und Erdogan aus Neukölln. Sie unterhalten sich über Demokratie und Pressefreiheit. Kazim sagt: "Im Volk gibt es nur noch ICH und DU, diese Spaltung ist nicht gut." Und: "Aus dem ICH und dem DU muss ein Wir werden!" Im Egerland-Kulturhaus sagte Kazim: "Mein Traum soll kein Traum bleiben. Ein Traum ist für mich ein Aufruf zum Handeln. Ich habe immer erlebt, dass sich Träume erfüllt haben."

Kazim Erdogans Antworten sind glasklar. Das erkannten die Zuhörer an und spendeten ihm immer wieder Applaus dafür. Sein Handeln zeigt, was unser Land so dringend braucht. Keine Angst mehr vor dem Fremden, keine Politik mehr, die an den Menschen vorbei gemacht wird, sondern konkrete, positive Anleitungen zu unseren Fragen, das Zusammenleben in unserer Gesellschaft betreffend. Und konkret: Kümmere dich um die Menschen in deinem Umfeld, lasse dich auf sie ein, denke positiv.

Celal Öztürk, den Vorsitzenden des islamischen Kulturvereins (Ditib), bat Kazim Erdogan, in der Moschee in Marktredwitz über seine Arbeit berichten zu dürfen. Er sei bereit, ohne Gegenleistung mit einigen seiner Männer zu kommen. "Sie sind herzlich willkommen", lautete die spontane Antwort von Celal Öztürk.

Gisela Wuttke-Gilch bedankte sich für die AWO bei Kazim Erdogan, Sonja Hartwig und Julia Gerecke mit einer MAK-Kaffeetasse. Die Organisation lag in den Händen von Hanna Keding.

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