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Kazim Erdogan ruft mit der „Woche der Sprache und des Lesens“ zu Verständigung in Berlin auf
VON BRITTA KLAR
 
Sein Handy klingelt, und die Anruferin gesteht Kazim Erdogan kleinlaut, dass sie später zum verabredeten Termin kommt – die U-Bahn fährt am Hermannplatz nicht weiter, ein technischer Defekt, heißt es. Kazim Erdogan reagiert sofort. „Gehen Sie hinterm Rathaus Neukölln in die Erkstraße. Dort ist ein Tabakgeschäft – warten Sie dort, ich hole Sie ab.“ Die Frau könnte sich jetzt beschämt raus winden, sagen, sie komme lieber zu Fuß. Es könnte ihr peinlich sein, auch wenn sie nichts für die Verzögerung kann. Oder sie nimmt das Angebot einfach dankbar an. Fünf Minuten später hält Kazim Erdogan mit dem Auto, winkt freundlich, öffnet die Tür und hat zwei seiner wichtigsten Eigenschaften auf dem Silbertablett serviert: Er ist ein Helfer und ein Macher. Und in beidem ist er erfolgreich. Sein Projekt, die „Woche der Sprache und des Lesens“ wird vom 1. bis 9. September 2012 erstmals nicht nur in Neukölln, sondern in ganz Berlin veranstaltet. Das Projekt ist sein Baby und sein Baby ist seit seiner Geburt im Jahr 2006 ordentlich gewachsen.

Um zu verstehen, warum Kazim Erdogan diese einwöchige Großveranstaltung rund um das Thema Sprache, Sprechen und Kommunikation ins Leben gerufen hat, muss man seine Geschichte kennen. Kazim Erdogan wurde am 11. Juni 1953 in einem kleinen Dorf in der Türkei geboren. Seine Eltern waren Analphabeten. „Aber mein Vater hat immer großen Wert darauf gelegt, dass ich eine gute Ausbildung bekomme“, sagt Kazim Erdogan in seinem Neuköllner Büro.
 
1974 mit dem Zug nach Deutschland

Mit sechs Jahren kam er auf ein Internat in der Osttürkei. Dort blieb er zwölf Jahre. „Nach der Schule habe ich mir ein Jahr lang in einem Hotel in Ankara das Geld für eine Fahrkarte nach Deutschland verdient. In Berlin wohnte ein Onkel“, erzählt er. 1974 kam er mit dem Zug hier an. „Ich stand dort auf dem Bahnsteig und fühlte mich hilflos. Weil ich kein Wort Deutsch sprach und verstand.“ Er war im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos. Dieses Gefühl von damals, das Fehlen der Worte und alles, was damit verbunden war, lassen ihn bis heute für die Sprache und das Sprechen in der Gesellschaft kämpfen. Er machte einen Deutschkurs, studierte dann an der Freien Universität Psychologie und Soziologie. Nebenbei begann er, sich zu engagieren: Er übersetzte Formulare und Schriftstücke für türkische Landsleute, tippte ihre Behördenbriefe.

Das Ende des Schweigens Der Neuköllner Psychologe Kazim Erdogan will mit seiner Sprachwoche ganz Berlin zum Reden und Lesen bewegen
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„90 Prozent der Probleme unserer Gesellschaft beruhen auf Kommunikationsund Sprachlosigkeit“, sagt Kazim Erdogan, der neben all seinen ehrenamtlichen Tätigkeiten seit August 2003 bei den Psychosozialen Diensten des Neuköllner Jugendamtes arbeitet. Vorher war er Lehrer und Schulpsychologe. Diese Stationen seines Lebens aufzuzählen ist leicht. Fragt man ihn nach seinen ehrenamtlichen Tätigkeiten, winkt er ab. Wie viele Vereine, Projekte und Initiativen er schon gegründet oder angeschoben hat, weiß der Vater von zwei erwachsenen Töchtern nicht. Er hat die erste Berliner Vätergruppe für türkische Männer initiiert, ist Gründer der „Initiative für ein noch besseres Neukölln“ und Vorstandsvorsitzender des Vereins „Aufbruch Neukölln e.V.“ Aber vor allem ist er das Gesicht der Neuköllner Sprachwoche, die nach 2006, 2008 und 2010 nun erstmals in ganz Berlin stattfinden wird. Der Ansatz des Psychologen: „Wir alle wissen, dass in unserer Gesellschaft immer weniger gelesen, gesprochen und Sprache als Kommunikationsmittel nicht ausreichend in Anspruch genommen wird. Dieser unerfreulichen Entwicklung wollen wir entgegenwirken. Vor allem Kinder und Jugendliche sollen ihre sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten sowie die Schönheit der Sprache entdecken.“ Menschen verschiedener Generationen, unterschiedlicher Kulturen und Sprachen kommen bei der Sprachwoche zusammen: Autoren lesen aus eigenen und fremden Werken – in den unterschiedlichsten Sprachen, an den originellsten Orten. Es gibt Erzählstunden, Führungen, Diskussionen, Ausstellungen. Bei der Sprachwoche im Jahr 2010 besuchten mehr als 15.000 Menschen etwa 450 Veranstaltungen.

„Wir freuen uns über jeden, der mitmachen will“, sagt Kazim Erdogan. Vom Programm ist nicht viel vorgegeben – die Ideen sollen von den Berlinern kommen, sie sollen „ihre“ Sprachwoche aktiv mitgestalten, die Veranstalter organisieren und unterstützen. „Schließlich soll es unsere Sprachwoche werden – nicht die Sprachwoche von Kazim Erdogan.“ Ideen kann jeder bis zum 15. Mai an wettbewerb@ sprachwoche-neukoelln.de schicken. Das große Auftaktfest wird am 1. September auf dem Alexanderplatz gefeiert, die Schirmherrin der berlinweiten Sprachwoche ist Christina Rau, die Witwe des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau. Kazim Erdogan freut sich schon jetzt wieder auf das „Wir-Gefühl“ während der Woche. Denn das ist es, was Sprache bewirken kann, das ist es, was ihn täglich antreibt. Mit unermüdlichem Einsatz und Energie beginnt er seinen Arbeitstag um fünf Uhr morgens. Zu Freizeit muss er „verdonnert werden“, gesteht er. Aber Ende März ist es soweit: Urlaub steht an. Nichts tun müssen, faul sein – ein Traum. Kazim Erdogan hat einen ganz anderen. „Zu meinem 70. Geburtstag organisiert jemand die Sprachwoche in ganz Deutschland“, sagt er.

Dann lacht er und fügt hinzu: „Oder ich mache das einfach selbst.“ www.sprachwoche-berlin.de Stellen Sie uns Ihr Projekt vor oder empfehlen Sie Initiativen oder Menschen, die ehrenamtlich arbeiten, die sich für eine Sache und für ihre Mitmenschen engagieren. Gefragt sind auch gute Ideen – wer Mitstreiter sucht oder mitmachen möchte, ist ebenfalls angesprochen, damit wir darüber berichten.

Schreiben oder mailen Sie uns. Ihre Post (Karte oder Brief) schicken Sie bitte an die Berliner Morgenpost, Lokalredaktion, Stichwort: „Mein Projekt für Berlin“, Brieffach 0718, 10867 Berlin. Per Fax erreichen Sie uns unter: 259 17 30 49. Per E-Mail: meinprojektfuerberlin@ morgenpost.de

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