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Wie ist das durchzuhalten? PDF Drucken
Kazim Erdogan kämpft von Neukölln aus seit Jahren für Integration und nimmt dabei beide Seiten in die Pflicht, Deutsche und Zuwanderer. Die Erfolge, die er bei seinem Kampf etwa gegen festgelegte Männerbilder gesammelt hat, sind beispielhaft. Nun soll die Initiative ausgeweitet werden.

Von Sonja Hartwig

Das Banner ist zu mächtig für den gebeugten Mann. 1,74 Meter ist er groß, im Original. Das Plakatbanner aber, das er in den Händen hält, ist größer, der Kazim Erdogan darauf auch. Stellt sich der echte neben sein Abbild, reicht er ihm nicht mal bis zur Schulter. Er kann es nicht allein halten, legt es auf den Boden, zieht die Enden auseinander, bis der Stoff nicht mehr die Figur darauf zerknittert. Dann schaut er auf sich selbst hinab: auf das Foto, das einen Menschen zeigt, an dem auch in Übergröße alles zaghaft wirkt.

Sein Händedruck ist es, und die Stimme ist es auch. Der echte Erdogan trägt einen schwarzen Strickpullover mit hellen Karos, darunter ein Hemd. Genau wie auf dem Foto, neben dem steht: "Kategorie Einzelperson" und "Aufbruch Neukölln". Es ist das Plakat für einen Preis, den Erdogan im Dezember verliehen bekam. Der Mann, der so heißt wie der türkische Ministerpräsident, ist einer, der sein Verhältnis zu Deutschland über die Erfolge der Mitbürger definiert. Ein Mann, der vor 37 Jahren nach Berlin kam und mit den ersten Brocken der deutschen Sprache seine Freunde bei Behördengängen begleitete, der ihnen half, wenn die GEZ Briefe schickte oder sie eine Wohnung suchten. Dieser Mann ist anders als die, über die Thilo Sarrazin schimpft.

Erdogan, 57 Jahre alt, hat so viel zu tun, dass er selbst während seines Urlaubs durch den Kiez eilt und sich viele fragen, wann er schläft, wann er isst. Er trifft sich mit Vätern, die unter Spielsucht leiden, organisiert Interviews, veranstaltet eine Pressekonferenz. Er plant Vorhaben, die in Neukölln beginnen, aber ins ganze Land ausstrahlen sollen. Überall, wo er hingeht, stellt er sie als "gesamtgesellschaftlich" oder "bundesweitgroß" vor. "Darunter", meint ein Kollege bei einer Teamsitzung in Neukölln, "macht's Kazim nicht." "In diesem Land", sagt Erdogan selbst, "habe ich keine Ruhe mehr." "Auf eine Aufgabe", sagt seine Frau, "hat er noch nie gewartet."

Sie sitzt in der Küche des Einfamilienhauses in Rudow, in das die Erdogans vor mehr als sechzehn Jahren mit ihren Töchtern gezogen sind, und erzählt davon, wie sie sich kennengelernt haben. Dass Kazim vor ihr stand, an der Kasse des Kaufhauses, in dem sie arbeitete, dass sie keinen Mann wollte, der sie an die Hand nimmt, und davon, dass sie schnell wusste, dass er das nicht machen würde. Dass sie sich aber auch fragen musste, ob sie das wollte: die Ehe mit diesem Mann, diesem Macher. In den Tagen nach ihrer Heirat klingelte es oft an der Tür. Sie dachte, es seien Freunde mit Geschenken, doch die meisten hatten Aktenordner unter den Armen. Sie brauchten die Hilfe ihres Mannes bei der Lohnsteuer.

Wenn man Kazim Erdogan eine Woche lang begleitet, zu den verschiedenen Projekten, für die er um Geld kämpft, zu den Menschen, die ihm zutrauen, die ganze Welt zu retten, weil er das zumindest mit ihrer kleinen tat, dann fügt sich das Bild eines Mannes, der nicht abwägen will, sondern ausprobieren, und das auch von anderen verlangt, vor allem von denen, die mehr Möglichkeiten haben als er. "Ich habe heute Nacht geträumt, dass Sie uns Gelder spenden", begrüßt er einen Stiftungsvertreter am Telefon, "wie viel darf's denn sein?"

Schon um fünf Uhr am Morgen hat Erdogan das Licht in seinem Büro angeknipst, die nächsten vierzehn, fünfzehn, manchmal achtzehn Stunden wird sich der Mittelpunkt seiner Welt von diesem Gebäude in Neukölln in alle Himmelsrichtungen verschieben. Er ist Psychologe im Bezirksamt von Neukölln, und er hat den Verein "Aufbruch Neukölln" gegründet. Er ist Gründer der ersten türkischen Männergruppe, nach deren Vorbild gerade im ganzen Land und darüber hinaus neue entstehen, von Mütterprojekten und eines Neuköllner Lesemarathons, dem 45 000 Menschen zuhörten.

Seine Frau nennt diesen nimmermüden Einsatz "gewöhnungsbedürftig", das Bündnis für Gemeinnützigkeit nennt ihn "unermüdlich". Im Dezember zeichnete es Erdogan mit dem Deutschen Engagementpreis aus und schickte ihm wenige Wochen später das aus diesem Anlass angefertigte überdimensionale Banner mit der Post. Fünf Wochen hatte es zuvor am Checkpoint Charlie gehangen. Viele haben damals angerufen und ihm gratuliert. Erdogan hat ihnen gesagt, dass Preise keine Rolle spielten, dass jeder Mensch, der bei ihm mitmache, für ihn der wahre Lohn, "ein Preis für sich", sei. Er rollt das Bild wieder ein, wird kurz ernst und sagt dann, dass er es vielleicht doch lieber hier behalten werde, hier an seinem "Sitz des Kalifen". Ein Spruch, den jeder hört, der ihn spricht, einer, den er mehrmals am Tag sagt.

Als "Kalifen von Neukölln" hatte sich Erdogan vor zwei Jahren aus Spaß selbst bezeichnet. Und so blendete es noch Anfang Februar ein Fernsehsender ein, als er ihn zeigte. Inzwischen, sagt Erdogan lachend, sei er schon aufgestiegen: An dem Abend, als er in seinem Bezirk von Heinz Buschkowsky die Ehrennadel verliehen bekam, eilte ein Mann auf ihn zu und rief: "Ich kenne Sie doch aus dem Fernsehen. Sie sind doch der Sultan von Neukölln."

In seinem Büro zeigt er Artikel, die von seinen Projekten berichten. Es sind viele geworden, aber auch die Briefe, die seine Anfragen nach finanzieller Unterstützung ablehnen, häufen sich. Geschrieben werden sie von Beamten, die beteuern, es werde zu viel gestrichen, sie könnten nichts verteilen. Nicht für Neukölln, nicht für Aktivitäten, die in "engem stadträumlichen Zusammenhang" stehen, heißt es in einem Schreiben. Erdogan zitiert den Satz und schimpft los: "Die verstehen nicht, dass es nicht nur um uns geht." Spielhallen gebe es in jeder Stadt, unter Spielsüchtigen sei die Zahl der Migranten überall hoch.

Erdogan will dreißig Aussteiger zu Therapeuten für Spielsüchtige ausbilden lassen. Er möchte die von ihm begründete Sprachwoche von Neukölln auf ganz Berlin ausdehnen. Er will mehr Gruppen für Frauen gründen, die unter psychosomatischen Störungen leiden, weil sie dachten, sie kämen in Deutschland ins Paradies, dann aber die Hölle erlebten. Er braucht dafür Geld - nicht mehr, als die von den Krankenkassen finanzierten Therapien kosten, wie er sagt. Und er braucht Menschen mit mehr Macht, als er selbst hat.

Sigmar Gabriel zum Beispiel. Der SPD-Vorsitzende, sagt Erdogan, habe angedeutet, dass er bei einem seiner Projekte mitmachen wolle. Nun will Erdogan das festzurren. Er hat es sich fest vorgenommen, für den Neujahrsempfang der Alevitischen Gemeinde Deutschlands, wo Gabriel redet. Doch als ihn die Erdogans dort suchen, ist Gabriel schon weg. "Auf eine Sitzung", teilt Claudia Roth mit, und sie müsse jetzt auch dorthin. Sie steht am Ausgang, Erdogan kramt in seiner Jackentasche nach einer Visitenkarte. Er streckt sie ihr entgegen und sagt: "Sie haben sicher schon von unserer Vätergruppe gehört. Cem wollte kommen, vielleicht kommen Sie ja gleich mit." Claudia Roth lächelt, sagt danke schön und: "Ich bin ja kein Vater." "Aber ein Mensch", sagt Erdogan, "alle sind willkommen."

Neukölln hat 307 000 Einwohner, fast ein Drittel davon lebt von Transferleistungen, 39 Prozent sind Migranten. Erdogans Büro befindet sich in einem Glasbau, ein langer Gang, dann die Tür links, Nummer 16. Tee brodelt im elektrischen Samowar, an den Wänden hängen Fotos aus der Türkei, von dem Ort, in dem er aufwuchs: Gökçeharman, ein Bergdorf in Zentralanatolien. Vor vier Jahren hat Erdogan hier im Büro die erste türkische Männergruppe gegründet. Damals fingen Neuköllner Väter an, über das zu reden, was man in ihnen sieht und was viele auch lange gewesen waren: Paschas und Patriarchen, Väter, die nicht mit ihren Söhnen spielen und ihre Töchter zum Kopftuch zwingen, Schwächlinge nach der Scheidung. Sie redeten über die Frage der Ehre, die sich nicht durch Mord beantworten lässt, über Vorstellungen und Vorurteile. Sie sprachen über Thilo Sarrazins Buch und luden ihn ein. Er kam nicht. Als Erdogan ihm im Dezember im Konzerthaus die Hand schüttelte, sagte Sarrazin zu ihm: Er sei nur noch in Zügen unterwegs. "Vielleicht", sagt Erdogan, "war das so etwas wie eine Erklärung, aber keine für den Schmerz, der mit seinen Thesen kam."

Als Arnold Mengelkoch, der Migrationsbeauftragte von Neukölln, Erdogan die ersten Male reden hörte, fragte er sich, ob der ein Teamplayer oder ein Egomane sei. Das war 2003; Erdogan war gerade aus Schöneberg zum Psychosozialen Dienst nach Neukölln gewechselt. Heute sagt Mengelkoch: "Buschkowsky setzt auf ihn, denn Erdogan lädt ein und sagt: Macht mit." Und das klingt wie: Es geht nicht ohne jene, die sich völlig einsetzen. Doch es geht auch nur mit denen, die auf andere setzen.

Die im vergangenen Jahr tot aufgefundene Neuköllner Jugendrichterin Kirsten Heisig erwähnt in ihrem Buch "Das Ende der Geduld" immer wieder Menschen, die sie unterstützt haben. Auf den letzten Seiten dankt sie Mengelkoch und Buschkowsky, ihrem Mitstreiter Kazim Erdogan, der sie auf Elternabende begleitete, und Stephan Kuperion, ihrem Freund und Kollegen am Amtsgericht Tiergarten. Seit ihrem Freitod ist er so etwas wie der Verwalter ihres Vermächtnisses. Als Kuperion einmal zusammen mit Heisig bei Erdogan in der Dienststelle war, machte er Fotos. Nach ihrem Tod hat er Erdogan die Bilder geschickt.

Nun sitzen die beiden Männer zusammen in einem Restaurant, nicht weit von Erdogans Büro entfernt. Kuperion sagt: "Wenn wir mehr solcher Erdogans hätten, dann wären wir weiter in dieser Republik." Doch er sagt auch, dass man die Grenzen kennen muss, keine Berge versetzen kann. Dass das Tempo, das Kirsten Heisig gegangen ist, schnell war, vielleicht zu schnell für die Gesellschaft: "Für viele ist es nicht durchzuhalten."

Einen Tag später sitzt Erdogan in einem türkischen Imbiss. Er sagt Sätze, die nicht passen wollen in das Bild dieses umtriebigen Mannes, Sätze, die er vorher noch nie so gesagt hat: "Vielleicht sollte ich mal etwas abgeben. Vielleicht sollte ich nicht jede Anfrage annehmen, nicht immer in allen Medien auftauchen. Es wird zu viel. Vielleicht sind wir alle zu ersetzen: Buschkowsky und ich auch. Wir haben noch viel vor, aber hoffentlich wird es nach uns andere geben."

Quelle: F.A.Z.

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